Leben mit Autismus

Seitdem ich die Diagnose „Autismus“ bekommen habe, haben sich für mich viele ungelöste Fragen geklärt. Für mich war es eine Bestätigung des langjährigen Gefühls, dass ich anders bin als meine Mitmenschen. (Dazu kommt noch: Hochsensibilität, Bipolar und Transidentität)


Wie zeigt sich Autismus im Alltag?
Reizüberflutung: viele Menschen, Lärm (auch laute Musik), viele Lichtwechsel. Das alles ist für mich ein grosser Stress, denn ich bin kaum in der Lage, 2Filter“ anzuwenden und externe Reize „auszublenden“.
Sozialer Stress: alles sozialverhalten habe ich mühsam lernen müssen durch Beobachtung und Nachahmung, dies über Jahre hinweg, teils Jahrzehnte. Dabei wurden mir auch kleinste Abweichungen nicht verziehen, sondern ständig vorgehalten und ich hatte permanent den Eindruck, nie genügen zu können, nie akzeptiert zu sein.
Fokus: wenn ich auf eine Arbeit fokussiert bin, dann kann ich ohne Pause für lange Zeit daran bleiben. Ich habe dabei einen Fokus und eine Aufmerksamkeit, die vielen anderen fehlt. Dabei kann es gut sein, dass ich die Aussenwelt völlig ausblenden und kaum etwas mitbekomme davon. Das Zeitgefühl funktioniert nicht mehr und auch viele andere Reize bekomme ich nicht mehr mit. So ist es häufig dann auch der Fall, dass ich vergesse zu Essen.

Was sind meine grossen Herausforderungen?
Meetings ohne Traktanden
Wenn ich mich auf ein Meeting nicht vorbereiten kann und mit Fragen oder sogar Vorwürfen konfrontiert werde, so komme ich damit gar nicht klar. Ich kann nicht spontan auf komplexe Fragen antworten. Ich brauche Vorbereitung bzw. einfach Zeit, um mir Gedanken zu machen.


Soziale Selb Verständnisse
Es gibt scheinbar gewisse soziale Regeln, von denen ich schlicht nichts weiss. Manchmal stolpere ich über solche und werde dann häufig sehr unsanft darauf hingewiesen, dass ich doch wissen sollte dass . . .
Nein, ich weiss nicht.

Kein Filter
Welche Themen darf, soll ich mit wem ansprechen können? Das ist für mich immer noch sehr schwierig. Ich habe grundsätzlich kaum Geheimnisse, so habe ich eben auch immer noch Mühe zu verstehen, über was denn mit wem geredet werden kann und was nicht.

Was sind meine grosse Stärken?
Gestern ist vorbei
Was gestern war, ist für mich Vergangenheit. Ich werde dich nicht daran aufhängen, denn es können Missverständnisse passieren. Nur gewollte Aggression und Missgunst sowie Bösartigkeit sind nicht ein Grund so weiter zu machen wie bisher. Wer sich mir gegenüber bewusst bösartig oder rechthaberisch oder dominant aufführt, wird distanziert. Ja, was nun? Nun, ein Neustart ist bei mir grundsätzlich immer möglich.
So ist meine Grundhaltung gegenüber fast allen: Missverständnisse passieren, wir reden darüber, wie es sich für mich und dich anfühlte und gehen weiter, ohne Groll.
Ich bin offen gegenüber allen Menschen und Tieren. Ich liebe Hunde (vielleicht auch zu sehr) und habe gegenüber meinen Mitmenschen keine bewussten Vorurteile. Ich bin vielleicht neugierig, stelle vielleicht mal zu intime Fragen, benehme mich ziemlich sicher nicht nach sozialen Normen. Doch ich bin freundlich, vergebend, generell recht pflegeleicht.

Technik
Seien es nun Computer oder auch andere Maschinen: ich mag diese und spreche die gleiche Sprache, eben schon intuitiv (im Gegensatz zu Menschen, da fehlt mir eben die Intuition). In der Informatik fühle ich mich in einer Welt, die für mich geschaffen ist. Die Regeln sind verständlich und ändern nicht ständig. Ein Neustart ist fast immer möglich und so haben Missverständnisse und Fehler kaum grosse Auswirkungen.

Organisation
Ich bin organisiert. Alles hat seine Ordnung, auch wenn es von aussen her nicht so aussieht. Meine Tage sind strukturiert, die Abläufe sind täglich fast identisch und es gibt wenig Abwechslung. Diese beständige Struktur gibt mir Ruhe und ein Fundament, um mich mit der Unbeständigkeit der Aussenwelt befassen zu können.

Tiere
Ich liebe Tiere. Hunde, Katzen, Pferde . . .
Beim Umgang mit Pferden erlebte ich, dass ich mit diesen besser kommunizieren kann als mit vielen Menschen.

No go’s
Was gar nicht geht.
Bitte macht folgendes nicht:
Über mich bestimmen wollen.
Mich «abhärten» wollen gegenüber Reizüberflutung.

Was geht
Stelle Frage, ich antworte gerne, manchmal sehr ausführlich, wie ich etwas erlebe.
Erzähle dein Erleben. Damit können wir beide lernen, einander zu verstehen.

Grundsatz
Ich bin nicht behindert, ich denke und fühle einfach etwas anders.