Meine Transition Epsiode 3

HRT (Hormontherapie)

Es zeigen sich nun, nach 3 Monaten schon einige Veränderungen. Dies freut mich sehr, erlebe ich mich nun auch äusserlich und im Spiegelbild mehr und mehr weiblich.

Meine Haut hat sich verändert und ist viel feiner geworden. Der Bartwuchs ist leicht reduziert und die entstehenden Haare sind etwas dünner.

Emotional habe ich mich verändert. Die erlebten Gefühle sind stärker und «tiefer» (sorry, finde kein besseres Wort). Ich lebe in den Gefühlen, im Gegensatz zum Verstand (na ja, auch nur teilweise?). ich lasse Gefühle mehr zu? Okay, wie auch immer. Die teilweise neu erlebte Gefühlswelt ist schön und ich erlebe sie gut.

Negative Gefühle sind deutlich schwächer geworden und ich erlebe mich als viel ausgeglichener und generell fröhlicher.

Weiter erlebe ich Filme sehr viel intensiver. Ich lebe mit und die Handlung geht mir nahe, wie ich das vorher nie so erlebte. Es gibt mehr und mehr Filme, die ich nicht mehr schauen kann, so emotional erlebe ich diese.

Stimmtraining

Nun habe ich ganz offiziell mein Stimmtraining mit einer Logopädin gestartet. Damit komme ich mehr und mehr zu einer weiblich wahrgenommenen Stimme. Die ersten Rückmeldungen sind ermutigend, doch bis ich auch am Telefon als Frau identifiziert werde, ist es noch ein langer Weg.

Namensänderung

Das Thema wird mich wohl noch länger begleiten. Es ist nicht immer so einfach, auch wenn ich nun offiziell Jackie heisse. Aktuell habe ich von der Gebäudeversicherung eine Absage bekommen. Da der Eintrag im Grundbuch nicht auf «Jackie» lautet, wird die Versicherungspolice nicht angepasst. Da kommt manchmal eine Reihe von Abhängigkeiten zusammen, die nur in der richtigen Reihenfolge erledigt werden können.

Die Änderung des offiziellen Geschlechts habe ich noch nicht gestartet. Eine entsprechende Gesetzesänderung (Geschäft 19.081) wurde vom Ständerat nun wieder beraten und wegen Differenzen wieder zum Nationalrat zurück geschoben. Nun hat der Nationalrat darüber debattiert, an den Ständerat zurückgeschoben und dieser wieder zurück an den Nationalrat. Für mich und ganz viele andere Transmenschen wäre es wichtig, dass die von beiden Räten gut geheissenen Punkte auch tatsächlich In Kraft treten und nicht wegen kleinen Differenzen das ganze Paket abgelehnt wird.

Operative Veränderungen

Die schon angedeuteten operativen Veränderungen bleiben auf der «Liste», jedoch habe ich mich nun entschlossen, die nächsten 6-9 Monate keine zusätzlichen Massnahmen einzuplanen.

Mit Hormontherapie, Haarentfernung und Stimmtraining bin ich wohl schon ziemlich beschäftigt. Dabei ist der psychische Einfluss der Hormontherapie und generell der Veränderung nicht zu unterschätzen.

Neue «Rolle» finden

Wie die meisten Menschen bin ich in der Gesellschaft irgendwie integriert und habe da eine «Rolle». Indem ich mich als Transgender präsentiert habe, wurde die «alte» Rolle völlig unpassend und ich habe mich davon getrennt. Nun, nach einigen Monaten im «Schwebezustand», beginne ich, meine neue Rolle zu finden. Damit akzeptiere ich kulturelle Normen und Regeln. Es gibt mehr oder weniger klar definierte Regeln, was Frau ist und was Mann. Ich habe mich entschieden, eine Frau zu sein. Nein, stimmt so nicht ganz. Ich bin eine Frau und ich werde mich einigen «Regeln» der Gesellschaft unterordnen, die eine Frau beschreiben.

Für mich gehört es auch dazu, meinem Umfeld zu signalisieren, dass ich mich als Frau identifiziere. Weil ich eine Frau bin. So will ich es meinem Umfeld einfach machen zu erkennen, dass ich eine Frau bin.

In der von mir erkannten Norm gehört dazu: weibliche Gesichtszüge, vermehrt «weibliche» Kleidung, eher längere Haare (sicherlich zu debattieren), weibliche Sprache und Intonation, weiblich er Körperbau (Hüften, Brüste etc.). Sicherlich könnet noch mehr dazu gehören, doch ich beginne mal da.

Verteidigung meines Status und meiner Rolle

Leider erlebe ich es immer noch, dass ich in meiner neuen Rolle nicht akzeptiert werde.

Wie zeigt sich das?

  1. ich werde als «Er» bezeichnet. Das empfinde ich als beleidigend und schmerzhaft. Ich bin «Sie», eine Frau, weiblich. Jackie.
  2. es wird mein alter Name verwendet. Beispiel: «Für mich wirst du immer **** sein». Mit dieser Aussage werde ich beleidigt (dass ich nicht weiss, wer ich bin) und es wird Autorität über mich genommen. Da will mich jemand zwingen in die alte Rolle. Mache ich nicht mit. Wer das tut, wird von mir konfrontiert.
  3. ich werde gar nicht beim Namen angesprochen. Mein Name wird ausgeblendet.

Ausblick

Da die Schweiz massiv und Europa sehr in einer Pandemie steckt, sind Planungen momentan kaum möglich.

Trotzdem künde ich mal an: im Sommer 2021 will ich einige kleine Gartenpartys feiern. Zu feiern gibt es dann: mich gibt es seit 50 Jahren und Jackie gibt es dann seit einem Jahr.

Weitere Details folgen persönlich. Das sind keine öffentlichen Veranstaltungen.

Danke für Lesen und and alle, die mich begleiten und ermutigen.

Meine Transition Episode 2

In der letzten Episode habe ich die ersten Schritte beschrieben, jetzt geht es schon um erste Erfolge.

Im September reichte ich den Antrag auf Namensänderung ein. Nach einiger Überlegung habe ich mich bewusst entschieden, mein «Geschlecht» noch nicht amtlich ändern zu lassen. Weshalb? Der Aufwand dazu ist nach aktuellem Recht sehr hoch und teuer. Eine Gesetzesänderung ist im Parlament in der Beratung und wird (hoffentlich) schon nächstes Jahr gültig. Dann kann das amtliche Geschlecht relativ einfach auf dem Zivistandsamt geändert werden und es braucht dazu keinen Gerichtsbeschluss (wie gemäss aktueller Gesetzeslage).

Nach einigem Schriftverkehr wurde mein Antrag genehmigt. Ich heisse nun ganz offiziell:

Jackie Schindler

HRT (Hormon Therapie): schon mehr als einen Monat bekomme ich weibliche Hormone und einen Testosteron Blocker. Was bemerke ich als Veränderung? Ich fühle mich fröhlicher, generell ausgeglichener, habe deutlich weniger negative Gedanken.

VT (Stimm Training): ich habe einige Informationen gesucht und gefunden und mal selbst geforscht, was denn die typisch weibliche Stimme von der typisch männlichen Stimme unterscheidet. Es ist sehr interessant, denn mit der Stimmlage hat es recht wenig zu tun.

Nächste Schritte

Namensänderung: da gibt es nun haufenweise administratives zu erledigen. Alle möglichen Ämter und Firmen müssen informiert werden, ein neuer Führerschein erstellt werden, dazu ein neues Foto, das meinen neuen Aussehen entspricht. Weiter anpassen aller Bankdaten, Kundendaten und noch alles, was ich gerade vergessen habe . . .

SRS (sex reassignment surgery): Im Sommer dachte ich, diese Operation vielleicht dann im Winter 2022/2023 durchführen zu lassen. In den vergangenen Wochen und Monaten habe ich mich mehr und mehr daran gestört, dass ich «da unten» noch männlich bin. Nun will ich dies verändern lassen und bin gespannt, was da noch alles auf mich zukommt. Mit der Chirurgie müssen einige Details besprochen werden, mit der Krankenkasse die Kostenübernahme, mit allen der Termin. Sicherlich gibt es auch noch Gespräche mit der Anästhesie, was da die empfohlene Methode ist und sicherlich auch mit mehreren anderen Spezialistinnen.

So, das ist mein aktueller Stand. Wie üblich sind Fragen willkommen, Verurteilungen und Besserwisserei nicht.

Meine Transition Episode 1

Ich bin mich selbst. Was heisst dies nun konkret? Bin ich Frau? Mann? Sonst etwas?

Ich fühle mich als Frau. Ich fühlte mich schon immer mehr oder weniger als Frau.

Ich habe mich dem Druck der Gesellschaft lange Zeit gebeugt und habe die Rolle eines Mannes gespielt. Darin wurde ich von Jahr zu Jahr immer besser. So kam kaum jemand jemals auf die Idee, dass ich vielleicht gar kein Mann bin, bzw. dass ich meine männlichen Körpermerkmale hasse. Ich habe ja sogar mich selbst überzeugt, dass ich Mann bin.

So hat niemand bemerkt, wie ich parallel ein verstecktes Doppelleben hatte, wo ich mich sein konnte. Aber eben nur ganz gut versteckt. Schliesslich war ich jahrzentelang umgeben von Menschen, die mich dominierten und Regelbrüche mit Liebesentzug und teilweise auch Folter bestraften. Da sind vor allem viele «Leiter» von christlichen Freikirchen zu erwähnen. Aber sicherlich auch weitere christliche Aktivisten, die stark auf Regelbrüche achten.

Als ich die Fesseln der christlichen Freikirchen abwarf wurde auch mein Denken befreit. Nach und nach erlaubte ich auch mir selbst zu forschen, wer ich denn wirklich bin.

So kam ich zu folgendem Ergebnis: Ich bin psychisch und seelisch eine Frau. Dies mir selbst gegenüber auszusagen war bereits eine grosse Befreiung und es machte Sinn. Ich spürte mich selbst und erlebte eine grosse Ruhe nach all den Jahren voller Unruhe.

Was nun?

Zuerst begann ich mal mit der Information: Ich bin Frau, ich heisse Jackie. Dies ist nun öffentlich und kein Geheimnis mehr.

Was folgt nun?

Ich werde meinen Namen offiziell und amtlich ändern. Dieser Prozess kann einige Zeit in Anspruch nehmen und in dieser Zeit unterscheiden sich mein richtiger und mein amtlicher Name.

Ich werde medizinische Hilfe in Anspruch nehmen um meinen Körper weiblicher zu gestalten. Dies ist in einem ersten Schritt HRT, PHR und VT.

HRT: Homon Replacement Therapy. Dabei wird das Testosteron unterdrück und zusätzlich mit einem Östrogen ergänzt. Damit wird dem Körper laufend mitgeteilt, sich weiblicher umzuformen. Wenn es gut klappt, starte ich damit im September 2020.

PHR: permanent hair removal. Permanente Haarentfernung. Mich stört der Bartwuchs und die Behaarung vor allem am Hals extrem stark. Ich habe dies schon immer gehasst und bin dankbar, wenn es dann endlich nicht mehr nachwächst.

VT: voice training. Dabei wird die Stimme geschult, weiblicher zu tönen. Dies ist der Anfang und dann sehen wir weiter, ob es auch noch Anpassungen an den Stimmbändern benötigt, um weiblich zu tönen und als Frau am Telefon erkannt zu werden (das ist das Ziel).

Wichtiger Nachtrag für alte Freunde und Bekannte

Liebe Freunde, ich habe euch nichts vorgespielt. Ich habe nicht einen Mann gespielt, obschon ich eine Frau war. Ich habe die weiblichen eigenschaften in mir unterdrückt, um als Mann akzeptiert und geliebt zu sein. Also, um zur Gruppe (Kirche, Hauskreis, Familie) dazu zu gehören.

Ganz viel davon habe ich unbewusst gemacht und schon sehr früh (als Kleinkind) damit begonnen. Denn ich habe früh gelernt, dass ich einer Rolle genügen muss und sonst bestraft werde.

Doch in all den Rollen, die ich innehatte war ich zutiefst immer mich selbst. Da drin war immer Jackie, egal wie ich gerade lebte und kommunizierte. Egal was wir gerade unternahmen, sei es auf einer Reise, einem Ausflug, an einem Filmabend, bei einem gemütlichen Abendessen, bei einer christlichen Veranstaltung.

Jackie war auch immer da. Sehr verborgen, aber da.